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#DesignDienstag: Gestaltung von Leitsystemen in öffentlichen Bibliotheken

Willkommen zu unserem #DesignDienstag. In dieser Reihe schaut unsere Innenarchitektin Anja Thimm genauer hin und nimmt Gestaltung in Bibliotheken ganz praktisch in den Blick. Diesmal geht es um das Leitsystem. Oft wirkt es unscheinbar, fast selbstverständlich – dabei entscheidet es maßgeblich darüber, ob sich Menschen sicher bewegen, schnell zurechtfinden und sich gerne im Raum aufhalten.

Wenn man durch eine Bibliothek geht, merkt man ziemlich schnell: Funktioniert die Orientierung – oder eben nicht. Man läuft ein paar Schritte, zögert kurz, schaut sich um. Genau an diesen Momenten zeigt sich, wie gut ein Leitsystem wirklich ist.

Im Kern geht es dabei immer um drei Dinge: Orientierung, Sicherheit und Aufenthaltsqualität. Ein gutes Leitsystem hilft Nutzerinnen und Nutzern, sich selbstständig zurechtzufinden. Es reduziert Nachfragen an der Theke und sorgt ganz nebenbei dafür, dass sich die Bibliothek klar, offen und einladend anfühlt.

Damit das gelingt, müssen mehrere Ebenen zusammenspielen: Raum, Gestaltung und Barrierefreiheit.

Vom Stadtraum bis zum Regal

Ein Leitsystem beginnt nicht erst im Gebäude, sondern schon davor. Bereits im Stadtraum auf dem Weg zur Bibliothek kann gezielt durch Beschilderung auf den Standort hingewiesen werden.

Vor dem Gebäude setzt sich das fort: Klare Wegführung zum Eingang, gut sichtbare Hinweise und der Name der Bibliothek deutlich platziert an der Fassade oder den Glastüren. Der Zugang sollte gut beleuchtet und möglichst barrierefrei sein. Wege brauchen eine klare Struktur, Treppen werden idealerweise durch Rampen oder Aufzüge ergänzt.

Im Eingangsbereich braucht es einen zentralen Übersichtsplan. Dieser kann an Wandflächen oder Säulen in der Nähe des Thekenbereichs angebracht sein. Neben einem visuellen Plan kann auch ein taktiler Plan sinnvoll sein, der von Menschen mit Seheinschränkung genutzt werden kann.

Ein solcher Plan zeigt alle Etagen und unterstützt die erste Orientierung. Darauf abgebildet sind die verschiedenen Bereiche der Medienaufstellung, etwa Kinderbereich, Jugendbibliothek, Sachliteratur und Belletristik. Ebenso wichtig ist, dass Aufenthaltsbereiche wie ein Lesecafé, Arbeitsplätze, Servicebereiche wie Infotheken und Verbuchungsterminals, Sanitärbereiche und Veranstaltungsräume klar erkennbar und eindeutig benannt sind.

Neben der Beschilderung spielt auch die Architektur eine Rolle. Klare Sichtachsen und eine nachvollziehbare Wegeführung ermöglichen eine passive Orientierung im Raum. Wenn das Raumkonzept gut durchdacht ist, kann sich der Bedarf an zusätzlicher Beschilderung deutlich reduzieren.

Am Regal selbst ist das Leitsystem vor allem auf den Stirnseiten verortet. Dort wird angezeigt, welche Medien sich in dem jeweiligen Bereich befinden. Klarschrift, gut lesbare Signaturen und – wo sinnvoll – Piktogramme unterstützen die Orientierung zwischen den Regalen. Entscheidend ist dabei die Struktur der Beschriftung: von der groben Einteilung hin zu immer feineren Untergruppen.

Farbe gezielt einsetzen

Farbe ist ein wirksames Mittel im Leitsystem – kann aber schnell zu dominant werden. Deshalb gilt: lieber gezielt einsetzen als zu viel davon.

Farben eignen sich besonders, um Bereiche zu kennzeichnen. Eine Leitfarbe pro Medienbereich – etwa Kinderbibliothek, Sachliteratur, Belletristik oder Jugend – schafft Wiedererkennung. Diese Farbigkeit kann sich durch das gesamte Leitsystem ziehen: auf Regalschildern, in der Medienkennzeichnung, auf Übersichtsplänen und auch im Mobiliar. Auch Elemente wie Wände oder Säulen können bewusst einbezogen werden.

Wichtig für die Lesbarkeit sind starke Hell-Dunkel-Kontraste, zum Beispiel dunkle Schrift auf hellem Hintergrund. Solche Kontraste unterstützen nicht nur Menschen mit Seheinschränkungen, sondern verbessern auch die Lesbarkeit aus der Distanz.

Grundsätzlich gilt: so viel Farbe wie nötig, so wenig wie möglich. Farbe sollte immer der Orientierung dienen – nicht der Dekoration.

Für alle mitgedacht

Barrierefreiheit ist in öffentlichen Bibliotheken kein Zusatz, sondern eine Grundvoraussetzung. Gerade im Leitsystem lässt sich mit vergleichsweise einfachen Mitteln viel erreichen.

Leichte Sprache und klare Symbole unterstützen Menschen mit kognitiven Einschränkungen oder Sprachbarrieren. Kurze, verständliche Begriffe ohne Fachsprache sorgen dafür, dass Inhalte für möglichst viele zugänglich sind. Deshalb ist Klarschrift oft sinnvoller als eine reine bibliothekssystematische Terminologie.

Auch die Typografie spielt eine wichtige Rolle: ausreichend große Schrift, gut lesbare serifenlose Schriften und klare Zeilenabstände erleichtern das Lesen.

Ergänzend können taktil erfassbare Elemente eingesetzt werden, etwa tastbare Pläne oder Brailleschrift an wichtigen Türen. Wo möglich, können auch akustische Hinweise den Zugang erweitern. Entscheidend ist, dass diese Elemente nicht isoliert stehen, sondern Teil eines durchgängigen Gesamtsystems sind.

Und zum Schluss: Ausprobieren

Ein hilfreicher Schritt ist es, die eigenen Räume mit „fremden Augen“ zu betrachten oder Testpersonen einzubeziehen. Besonders wertvoll ist es, wenn auch Menschen mit unterschiedlichen Einschränkungen typische Wege ausprobieren.

Dabei lohnt es sich, genau hinzuschauen: Wo wird gezögert, gefragt oder umgedreht? Diese Stellen zeigen, wo das Leitsystem noch nachgeschärft werden kann.

Und: Ein Leitsystem ist nie endgültig. Nutzungsgewohnheiten, Zielgruppen und Raumangebote verändern sich im Laufe der Zeit. Entsprechend sollte auch das Leitsystem regelmäßig überprüft und angepasst werden.

Beispiele aus NRW

Zahlreiche Bibliotheken in Nordrhein-Westfalen zeigen, dass es viele gute Lösungen gibt. Hier ein paar Beispiele:

Essen-Huttrop

In der Stadtteilbibliothek Essen-Huttrop sind einige Bereiche durch Leuchtbuchstaben gekennzeichnet.

Hamm

Das Leitsystem der Zentralbibliothek in Hamm beginnt bereits vor dem Gebäude: An den Glastüren sind der Name der Bibliothek sowie deren Öffnungszeiten und die der ebenfalls im Gebäude befindlichen VHS angebracht. In der Bibliothek finden Nutzerinnen und Nutzer dank der großformatigen Beschriftung schnell zur Ausleihe und Rückgabe. Auf jeder Etage befindet sich zudem in der Nähe von Treppe oder Aufzug ein Übersichtsplan des jeweiligen Geschosses.

Kamp-Lintfort

In der Mediothek Kamp-Lintfort ist die Regalbeschriftung im einheitlichen Schriftstil des Corporate Designs gestaltet. Sogar die Beleuchtung fügt sich dabei stimmig in das Leitsystem ein.

Langenfeld

Mit den Beschriftungsschildern im Tafeldesign ist das Leitsystem in der Stadtbibliothek Langenfeld sehr flexibel.

Mönchengladbach

In der Zentralbibliothek in Mönchengladbach findet sich das Leitsystem sowohl an den Stirnseiten der Regale als auch für die Orientierung auf den Regalen positioniert wieder. In der Kinderbibliothek unterstützt die Wandgestaltung die klare Zuordnung dieses Bereiches bereits aus der Entfernung.

Oberhausen-Sterkrade

In der Stadtteilbibliothek Oberhausen-Sterkrade wurde beim Leitsystem viel Wert auf die Barrierefreiheit gelegt. So führen taktile Leitsysteme zur ersten Anlaufstelle, der Theke. Hier befindet sich auch ein taktiler Übersichtsplan. Die Behinderten-Toilette ist durch ein großformatiges Piktogramm einfach zu finden.

Ochtrup

In der Bücherei St. Lamberti in Ochtrup werden auch raumbildende Elemente wie Wände und Säulen für die Beschriftung mit dem Leitsystem genutzt.

Autorin

Anja Thimm studierte Innenarchitektur an der Hochschule Trier. Nach ihrem Abschluss und einem Ausflug in die Welt der Büroplanung gehört sie seit 2016 zum Team der Fachstelle für Öffentliche Bibliotheken NRW und berät Bibliotheken zu den Themen Bau und Einrichtung. Ebenfalls seit 2016 ist sie Mitglied der Facharbeitsgruppe Bau und Einrichtung der Fachstellenkonferenz der Bibliotheksfachstellen in Deutschland.

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