Willkommen zum #DesignDienstag. In dieser Reihe wirft unsere Innenarchitektin Anja Thimm einen praxisnahen Blick auf Gestaltung in Bibliotheken. Diesmal widmet sie sich den Gamingbereichen. Gamingbereiche in öffentlichen Bibliotheken sind längst mehr als ein kurzfristiger Trend. Sie stehen exemplarisch für den Wandel der Bibliothek hin zu einem offenen, vielfältigen Aufenthaltsort, der unterschiedliche Interessen zusammenbringt. Richtig geplant, können sie neue Zielgruppen erschließen, bestehende Nutzer stärker binden und die Bibliothek als sozialen Raum stärken. Entscheidend ist jedoch, dass Gaming nicht als isoliertes Zusatzangebot gedacht wird, sondern als integraler Bestandteil der räumlichen und konzeptionellen Gesamtstrategie. Daher bringt die Einrichtung von Gamingbereichen einige planerische und organisatorische Fragen mit sich, die frühzeitig bedacht werden sollten.
Nutzergruppen im Blick behalten
Ein sinnvoller Einstieg in die Planung ist der Blick auf die unterschiedlichen Nutzergruppen und ihre Bedürfnisse. Gaming spricht eine erstaunlich breite Zielgruppe an: Kinder, Jugendliche und zunehmend auch Erwachsene, die spielerische Formate für sich entdecken. Dabei unterscheiden sich die Erwartungen deutlich. Während jüngere Nutzer häufig in Gruppen spielen, sich austauschen und auch laut sein dürfen, suchen andere eher ruhigere, kooperative oder kreative Spielerfahrungen. Ein gut konzipierter Bereich trägt dieser Vielfalt Rechnung, indem er unterschiedliche Nutzungsformen ermöglicht, ohne dass sie sich gegenseitig stören.
Der passende Standort
Diese Überlegungen führen unmittelbar zur Frage nach der geeigneten räumlichen Einbindung eines Gaming-Angebots. Gaming bringt Bewegung, Geräusche und Aufmerksamkeit mit sich – Eigenschaften, die bewusst in die Bibliotheksgestaltung einbezogen werden sollten. Eine Platzierung direkt im Eingangsbereich kann zwar Neugier wecken und Sichtbarkeit schaffen, führt jedoch häufig zu Nutzungskonflikten. Bewährt haben sich Bereiche, die gut erreichbar sind, zugleich aber ausreichend Abstand zu klassischen Ruhe- und Arbeitszonen bieten. Übergänge zwischen Kinder- und Jugendbereich oder Flächen mit Aufenthaltsqualität eignen sich dafür oft besonders gut. Offene Raumstrukturen oder transparente Abtrennungen können dazu beitragen, den Gaming-Bereich sichtbar und einladend zu gestalten, ohne dass sich Geräusche oder Aktivitäten ungehindert auf die gesamte Bibliothek auswirken.
Akustik als Schlüsselthema
Besonders sensibel ist in diesem Zusammenhang das Thema Akustik. Gaming ist mit Geräuschen verbunden – durch Gespräche, Reaktionen und die Spiele selbst. Ohne gezielte Maßnahmen kann dies schnell zu Spannungen führen. Eine durchdachte akustische Gestaltung ist daher keine Kür, sondern Voraussetzung. Schallabsorbierende Materialien an Decken und Wänden, textile Oberflächen oder entsprechend gestaltete Möbel tragen wesentlich dazu bei, die Geräuschkulisse zu dämpfen. Auch die räumliche Struktur spielt eine Rolle: Teilweise abgeschirmte Bereiche oder Raum-in-Raum-Lösungen können helfen, den Schall zu bündeln, ohne den offenen Charakter vollständig aufzugeben.
Inhalt und Gestaltung
Neben funktionalen Aspekten lohnt sich ein genauer Blick auf die inhaltliche und gestalterische Ausrichtung. Ein Gamingbereich wirkt dann überzeugend, wenn er ein erkennbares Thema oder eine klare Idee transportiert. Das kann von kompetitivem Gaming über kreative Anwendungen bis hin zu Retro-Ansätzen reichen. Dieses Thema beeinflusst nicht nur die Auswahl der Inhalte, sondern auch die Gestaltung des Raums. Farben, Materialien und Licht tragen dazu bei, eine eigene Atmosphäre zu schaffen, die sich vom restlichen Bibliotheksraum abhebt, ohne sich völlig davon zu lösen. So entsteht ein Ort mit eigenem Charakter, der dennoch Teil des Ganzen bleibt.
Möblierung und Funktionalität
Die Möblierung übernimmt dabei eine zentrale Rolle. Sie muss unterschiedlichen Anforderungen gerecht werden: Komfort bei längeren Nutzungszeiten, Robustheit im Alltag und Flexibilität für verschiedene Szenarien. Sitzmöbel sollten ergonomisch sein und gleichzeitig eine gewisse Lässigkeit vermitteln, die zum informellen Charakter des Spielens passt. Modulare Elemente ermöglichen es, den Raum schnell an unterschiedliche Nutzungen anzupassen, etwa für Einzelspiel, Gruppenangebote oder kleine Veranstaltungen. Auch technische Aspekte sollten von Anfang an mitgedacht werden. Eine saubere Integration von Bildschirmen, Konsolen und Kabeln sorgt nicht nur für Sicherheit, sondern auch für eine aufgeräumte, hochwertige Anmutung.
Atmosphäre durch Licht und Material
Nicht zu unterschätzen ist die Wirkung von Licht und Materialität. Bildschirmarbeit stellt besondere Anforderungen an die Beleuchtung: Blendfreiheit und eine ausgewogene Grundhelligkeit sind entscheidend. Ergänzend können gezielte Lichtakzente eingesetzt werden, um den Bereich atmosphärisch aufzuwerten. Materialien sollten sowohl funktional als auch gestalterisch überzeugen, also langlebig, pflegeleicht und zugleich akustisch wirksam sein.
Ein neuer Baustein der Bibliothek
Ein gut gestalteter Gamingbereich fügt sich so selbstverständlich in die Bibliothek ein, dass er nicht als Sonderfläche wahrgenommen wird, sondern als ein weiterer, zeitgemäßer Baustein des Angebots. Er schafft Räume für Begegnung, Austausch und gemeinsames Erleben – und erweitert damit das klassische Verständnis von Bibliothek auf überzeugende Weise.
Beispiele aus NRW
Zahlreiche Bibliotheken in Nordrhein-Westfalen zeigen, dass es viele gute Lösungen gibt. Hier ein paar Beispiele:
Bergheim
In der Stadtbibliothek Bergheim bildet der Gamingbereich das Zentrum des Zwischengeschosses zwischen dem Erdgeschoss und der Jugendbibliothek im ersten Obergeschoss. Dank der Sitzmöbel mit hohen Rückenlehnen und seiner räumlichen Anordnung ist der Bereich klar abgegrenzt. So entsteht ein geschützter Spielbereich, in dem der Durchgangsverkehr kaum als störend wahrgenommen wird.

Kamp-Lintfort
In der Mediathek Kamp-Lintfort befindet sich das „Zockerzimmer“ in direkter Nachbarschaft zum Kinder- und Jugendbereich innerhalb der Open Library. Als abgeschlossener Raum lässt sich seine Zugänglichkeit auch während der personalfreien Öffnungszeiten gezielt steuern. Gleichzeitig können die Spielenden ungestört spielen, ohne dass Geräusche in die übrigen Bibliotheksbereiche dringen. Die folierten Glaswände ermöglichen Einblicke von außen, schaffen zugleich aber eine geschützte Atmosphäre und ausreichend Privatsphäre.
Kreuztal
In der Stadtbibliothek Kreuztal befindet sich ein separater Gamingraum im Obergeschoss, der akustisch von der ansonsten offen gestalteten Bibliotheksfläche getrennt ist. Glaswände schaffen Sichtbeziehungen zwischen dem Raum und der Bibliothek, sodass die Spielenden die übrige Bibliotheksfläche einsehen können und umgekehrt. Ein Graffiti am Eingang macht die Nutzung des Raumes als Gamingbereich bereits auf den ersten Blick erkennbar.
Lünen
In der Stadtbücherei Lünen befindet sich der Gamingbereich in einem zentral gelegenen, ovalen Raum. Von außen ist seine Funktion nicht unmittelbar erkennbar. Gerade diese zurückhaltende Gestaltung weckt jedoch die Neugier der Bibliotheksnutzenden und lädt dazu ein, den Bereich zu entdecken.
Minden/Selm
In den Stadtbibliotheken Minden und Selm besteht der Gamingbereich aus zwei unterschiedlichen Elementen. Zum einen gibt es einen offenen Spielbereich mit einem an der Wand montierten Bildschirm und der dazugehörigen Konsole, der sich insbesondere für das gemeinsame Spielen in größeren Gruppen eignet. Ergänzt wird dieser durch ein halboffenes, mobiles Gamingmöbel, das bis zu vier Personen Platz bietet und einen innenliegenden Bildschirm für gemeinsames Spielen integriert.
In der Stadtbibliothek Minden befindet sich unmittelbar daneben ein weiteres Möbel desselben Typs, das jedoch nicht zum Gaming, sondern als Hörstation konzipiert ist. Mithilfe einer Sounddusche ermöglicht es das ungestörte Hören von Audioinhalten, ohne die übrigen Bibliotheksbereiche akustisch zu beeinträchtigen.
Minden
Selm
Arnsberg-Neheim
In der Bibliothek Neheim (Arnsberg) können Nutzende an drei nebeneinander installierten Bildschirmen parallel spielen. Der Gamingbereich lässt sich durch einen hinter den Sitzplätzen angebrachten Vorhang optisch und in begrenztem Maße auch akustisch von der übrigen Bibliotheksfläche abtrennen. Seit Kurzem sorgt ein LED-Lichtband mit variabler Farbgestaltung für eine stimmungsvolle Atmosphäre und unterstreicht den Charakter des Bereichs.
Velbert
In der Bibliothek Velbert wurde der Gamingbereich unter einer Treppe eingerichtet und nutzt den vorhandenen Raum auf effiziente Weise. Dadurch entsteht ein halbgeschützter Bereich, der sich deutlich von der übrigen Bibliotheksfläche abhebt. Die integrierte Sitzlandschaft ermöglicht sowohl gemeinsames Spielen als auch das Zuschauen. Farb- und Materialgestaltung sowie die geschwungene Formensprache schaffen eine einladende Atmosphäre und verleihen dem Bereich zugleich eine moderne Anmutung.
Dorsten (Pen and Paper)
In der Stadtbibliothek Dorsten wurde mit der „Zwischenwelt“ ein Gamingbereich geschaffen, der einen anderen Schwerpunkt setzt. Die auf einer Zwischenebene eingerichtete Fläche ist nicht dem digitalen, sondern dem analogen Spielen gewidmet. Statt klassischer Brettspiele steht hier ein umfangreicher Bestand an Pen-and-Paper-Rollenspielen im Mittelpunkt. Neben der Ausleihe bietet der Bereich auch die Möglichkeit, die Spiele direkt vor Ort in Gruppen auszuprobieren.































































































































































Die übrigen Regeln waren schnell erklärt. „Wir erwarten einen respektvollen Umgang miteinander.“ Und – man höre und staune – es darf nicht laut werden (Ausnahmen bestätigen die Regel, wurde augenzwinkernd ergänzt. Zum Beispiel bei einer Klassenführung, wenn die Schülerinnen und Schüler zum ersten Mal die Bibliothek erkunden. Dann dürfen sie 10 Minuten laut kreischend die unbekannten Räumlichkeiten durchstreifen). Jeder muss sich für die Bibliothek und ihre Einrichtung verantwortlich fühlen und pfleglich mit den Dingen umgehen. Womit man es allerdings nicht so genau nimmt, sind die Rückgabedaten für die entliehenen Medien. „Schließlich möchten wir, dass die Kinder sich wohl fühlen und sie nicht vertreiben. Die Bibliothek ist ihr Rückzugsgebiet, das nur ihnen zur Verfügung steht.“ Geduldig wird deshalb hinterher telefoniert, in der Regel mit Erfolg.
pro Jahr gibt es einen Themenschwerpunkt. Bei unserem Besuch stand das Thema „BiblioBotanic“ im Mittelpunkt. Die Themen werden ganzheitlich aufbereitet. So haben die Kinder zunächst unterschiedliche Pflanzen ausgesät und lernen die Früchte kennen. Anhand einer Landkarte verfolgen sie den Weg vom Anbaugebiet nach Oslo. U.a. wurden auch Kartoffeln in einem „Hochbeet“ gepflanzt. Und wie zufällig findet man überall Bücher zum Thema, die die Kinder durchblättern und natürlich auch ausleihen können.


