Bibliotheken stehen für freien Zugang zu Informationen und Meinungsvielfalt. Gleichzeitig geraten sie immer wieder in Situationen, in denen diese Grundsätze auf die Probe gestellt werden. Buchanschaffungswünsche zu politisch, religiös, medizinisch oder ideologisch aufgeladenen Titeln, Diskussionen über Publikationen aus extremistischen Verlagen oder kritische Nachfragen von Nutzerinnen und Nutzern gehören inzwischen auch in vielen öffentlichen Bibliotheken zum Alltag.
Für Bibliotheken bedeutet das eine Gratwanderung. Einerseits sind sie Orte der Informationsfreiheit und sollen unterschiedliche Perspektiven zugänglich machen. Andererseits tragen sie Verantwortung für demokratische Werte und müssen sorgfältig abwägen, welche Medien sie in ihren Bestand aufnehmen und wie sie mit kontroversen Inhalten umgehen.
Gerade deshalb ist es hilfreich, sich im Team frühzeitig mit solchen Fragen auseinanderzusetzen und klare Kriterien für Entscheidungen zu entwickeln. In diesem Beitrag geben wir Tipps und Links zu weiteren Materialien.
Wenn Buchwünsche schwierig werden
Anschaffungsvorschläge von Nutzerinnen und Nutzern sind grundsätzlich willkommen. Sie helfen Bibliotheken, ihre Bestände bedarfsorientiert weiterzuentwickeln. Trotzdem kann oder sollte nicht jeder Vorschlag automatisch umgesetzt werden.
Bibliotheken orientieren sich bei der Auswahl von Medien in der Regel an festgelegten Kriterien, etwa:
- Relevanz für die Zielgruppen der Bibliothek
- Qualität und Einordnung des Inhalts
- Aktualität und Nachfrage
- Ausgewogenheit des Bestands
- Einordnung in das Sammlungskonzept der Bibliothek
In manchen Fällen kommen auch zusätzliche Aspekte hinzu, etwa wenn ein Titel aus einem extremistischen Umfeld stammt, gezielt Desinformation verbreitet oder ausschließlich propagandistische Zwecke verfolgt.
Dann kann eine Bibliothek entscheiden, den Titel nicht anzuschaffen. Wichtig ist dabei eine transparente und sachliche Kommunikation.
Praxisbox
Viele Mitarbeitende empfinden es als unangenehm, Buchwünsche abzulehnen. Im Team abgestimmte neutrale Formulierungen können helfen.
Beispiel
„Wir orientieren uns bei der Medienauswahl an unserem Bestandskonzept und an der Nachfrage unserer Nutzerinnen und Nutzer. Nach sorgfältiger Prüfung haben wir uns entschieden, den vorgeschlagenen Titel nicht anzuschaffen.“
Wichtig ist, dass solche Entscheidungen nicht spontan getroffen werden, sondern auf klaren und im Team abgestimmten Kriterien beruhen.
Umstrittene Werke im Bestand
Nicht immer geht es um eine Neuanschaffung. Manche kontroversen Titel befinden sich bereits im Bestand oder werden bewusst aufgenommen, um gesellschaftliche Entwicklungen dokumentieren zu können.
Bibliotheken verfolgen hier häufig ein Prinzip: Sammeln und einordnen.
Das bedeutet, dass problematische Inhalte nicht unkommentiert präsentiert werden, sondern in einen Kontext gestellt werden können. Beispiele dafür sind:
- Ergänzende Literatur mit kritischer Perspektive
- Thematische Medienausstellungen
- Veranstaltungen oder Diskussionsformate
- Hinweise auf weiterführende Informationen
Gerade bei extremistischen oder rechtspopulistischen Publikationen stellt sich oft die Frage, ob sie Teil des Bestandes sein sollten. Manche Bibliotheken entscheiden sich dafür, solche Titel aufzunehmen, wenn sie für Forschung, politische Bildung oder gesellschaftliche Debatten relevant sind. Andere verzichten bewusst darauf.
Entscheidend ist, dass diese Entscheidungen reflektiert getroffen werden und mit dem bibliothekarischen Auftrag vereinbar sind.
Vorbereitung hilft im Konfliktfall
Kontroversen entstehen häufig nicht erst bei der Anschaffung eines Mediums, sondern im Gespräch mit Nutzerinnen und Nutzern oder in öffentlichen Debatten.
Umso wichtiger ist es, vorbereitet zu sein. Hilfreich sind zum Beispiel:
- Ein schriftlich festgelegtes Bestandskonzept
- Klare Zuständigkeiten für schwierige Entscheidungen
- Schulungen oder Leitfäden für den Umgang mit Konfliktsituationen
Auch eine gute Krisenkommunikation kann helfen, schwierige Situationen zu bewältigen. Sie sorgt dafür, dass Bibliotheken auch unter Druck sachlich und transparent reagieren können.
Weiterführende Links
Die folgenden Materialien bieten vertiefende Informationen und praktische Unterstützung:
- Deutscher Bibliotheksverband: Leitfaden Krisenkommunikation in Bibliotheken
- Deutscher Bibliotheksverband: Umstrittene Medien in Bibliotheken
- Bibliothek & Information Deutschland (BID): Positionspapier zu umstrittenen Werken
- Präambel des BID: Ethische Grundsätze von Bibliothek & Information Deutschland (BID) – Bundesvereinigung Deutscher Bibliotheksverbände e. V.
- Hintergrundartikel der Bundeszentrale für politische Bildung: Was liest der rechte Rand? Der Bücherschrank
- Bachelorarbeit zum Thema Umgang mit rechtsextremen Medien in Bibliotheken: Kontroverse Literatur der Neuen Rechten in den Beständen öffentlicher Bibliotheken in Deutschland.
- Beitrag im Deutschlandfunk Kultur zur Debatte um rechtspopulistische Bücher in Bibliotheken: Im Zweifel für die Meinungsfreiheit
- Vorlage Nr. 151 für die Sitzung der Deputation für Kultur in Bremen: Umgang der Stadtbibliothek Bremen mit Publikationen aus rechten Verlagen
- Das Praxishandbuch „Medien an den Rändern“ behandelt z.B. auch Literatur aus dem Bereich Esoterik
- Bachelorarbeit „Bibliothekarische Neutralität“: Zur Idee der Neutralität in der Geschichte Öffentlicher Bibliotheken in Deutschland
- ZHB Luzern (Schweiz): Policy Problematische Medien an der ZHB Luzern
- Triggerwarnung – Können Bücher wirklich gefährlich werden?: In diesem ARD-Podcast wird das Für und Wider von Triggerwarnung in Büchern diskutiert. Er geht dabei auch der Frage nach, ob die Freiheit der Kunst dadurch in Gefahr ist.