Willkommen zum #DesignDienstag. In dieser Reihe wirft unsere Innenarchitektin Anja Thimm einen praxisnahen Blick auf Gestaltung in Bibliotheken. Diesmal widmet sie sich den Loungebereichen. Sie sind ein wichtiger Bestandteil moderner Bibliotheken und tragen dazu bei, diese als einladende „Dritte Orte“ zu gestalten. Hier können Menschen nicht nur lesen und lernen, sondern auch verweilen, sich austauschen oder einfach eine Pause vom Alltag machen.
Damit Loungebereiche ihre Wirkung entfalten können, kommt es auf mehr an als auf bequeme Möbel. Eine durchdachte Gestaltung beeinflusst die Aufenthaltsqualität, die Nutzung und die Wahrnehmung der Bibliothek insgesamt. Welche Sitzgelegenheiten passen zu unterschiedlichen Bedürfnissen? Wie lassen sich Loungezonen sinnvoll im Raum platzieren? Und welche Rolle spielen Beleuchtung, Materialien und flexible Möbel?
Im Folgenden gibt Anja Thimm praxisnahe Tipps zur Gestaltung und Möblierung von Loungebereichen und zeigt Beispiele aus NRW-Bibliotheken.
Nutzungsziele und Zonierung klar definieren
Bevor Möbel ausgewählt werden, lohnt es sich, gemeinsam im Team die gewünschten Nutzungsarten zu definieren. Typische Nutzungsszenarien für Bibliotheks-Lounges sind vor allem Ruhe und Lesen, Entspannung und Chillout sowie kleiner, leiser Austausch. Daraus ergeben sich verschiedene Zonen. Eine klare Zonierung hilft, Konflikte zu vermeiden, etwa zwischen Gesprächsgruppen und Ruhe suchenden Kunden.
In der Praxis bietet es sich an, die Lounge mit zwei bis drei klar unterscheidbaren Bereichen zu planen. Ein bewährtes Modell ist eine zentrale Lese- und Relaxzone mit Sesseln und Sofas, ein Gesprächsbereich mit höheren Rückenlehnen und gegebenenfalls ein abgesetzter Bereich mit „Liegemöbeln“ oder Sitzsäcken (besonders für Kinder und Jugendliche).
Möblierung: Vielfalt statt Einheit
Ein häufiger Fehler ist die Suche nach „der einen perfekten Bibliothekslounge“. Zeitgemäße Konzepte setzen auf Diversität der Möbel: unterschiedliche Sitzhöhen, Tiefen, Härtegrade und Formen, um verschiedene Nutzergruppen und Aktivitäten zu bedienen.
Leichte Armlehnstühle und kleine Tische eignen sich gut, um sie nach Bedarf umzustellen und informelle Gruppenplätze zu schaffen. Schwere Sessel und Mehrsitzer sind weniger flexibel, ermöglichen aber feste Sitzgruppen, die Ruhe und Abgrenzung bieten. Hocker sind besonders vielseitig: Sie dienen als Beistelltisch, zusätzlicher Sitzplatz oder mobile Ergänzung zu Sitzgruppen. Sofas und „Loveseats“ funktionieren gut in Bereichen, in denen Begleitpersonen zusammen sitzen, während sie in allgemeinen Zonen seltener gemeinsam von Fremden genutzt werden. Für Ruhezonen können Chaiselongues oder moderne Sitz-Liegemöbel eingesetzt werden.
Wichtig ist, dass die Möbel robust und pflegeleicht sind, da Bibliothekslounges oft stark frequentiert werden. Hochwertige, strapazierfähige Bezüge und stabile Konstruktionen sind hier ein Muss.
Kleine Couchtische und Beistelltische zwischen Sesseln und Sofas geben Nutzerinnen Ablageflächen für Bücher, Taschen oder Getränke. Ein zentraler Faktor, gerade bei kleineren Einrichtungen, ist die flexible Möblierung: Möbel, die leicht umgestellt, gestapelt oder kombiniert werden können, um die Fläche an unterschiedliche Nutzungen anzupassen. Stapelbare Stühle und modulare Sitzsysteme erlauben es, einen Loungebereich schnell umzunutzen – etwa für Lesungen oder kleine Veranstaltungen. Ein separates Stuhllager in der Nähe ist sinnvoll, um überzählige Stühle platzsparend zu verstauen.
Atmosphäre schaffen: Licht, Farbe, Material
Ein Loungebereich sollte sich bewusst vom restlichen Bibliotheksraum abheben – durch eine andere Beleuchtung, Farbgebung und Materialität.
Indirekte Beleuchtung, Stehlampen, Pendelleuchten oder wandflutende Lichtelemente erzeugen eine wohnliche, entspannte Atmosphäre. Leseleuchten neben Sesseln bieten individuelles Licht für konzentriertes Lesen. Wichtig ist, dass die Beleuchtung blendfrei und dimmbar ist, um unterschiedliche Tageszeiten, Nutzungen und verschiedene Nutzerbedürfnisse zu unterstützen.
Ein durchdachtes Farbkonzept kann Zonen visuell trennen: zum Beispiel ruhige Farbtöne für Lesebereiche und Relaxzonen, akzentuierte Farben für Kommunikationsbereiche. Natürliche Materialien wie Holz, Filz oder andere Stoffe erhöhen die Aufenthaltsqualität und wirken einladend. Teppichböden oder akustisch wirksame Elemente wie Deckensegel oder Wandpaneele reduzieren die Geräuschkulisse und steigern somit das Wohlbefinden.
Auch Pflanzen lockern die Atmosphäre auf und tragen nachweislich zu einem besseren Raumklima bei. Hierbei ist jedoch die Pflege der Pflanzen sicherzustellen, entweder über ein Bewässerungssystem oder das Personal.
Ergonomie und Komfort ernst nehmen
Besonders bei längeren Aufenthalten wird ergonomisches Sitzen zum entscheidenden Faktor. Da Loungemöbel in den meisten Fällen nicht flexibel verstellbar sind, sollte bei der Auswahl darauf geachtet werden, dass sie für unterschiedliche Körpergrößen geeignet sind. Gerade in stark frequentierten Bereichen empfiehlt es sich, auf stabil verarbeitete Möbel mit geprüften Standards zu setzen.
Akustik und Privatsphäre
Ein Loungebereich soll einladen, aber nicht überfordern. Gerade in offenen Bibliotheksflächen ist Akustik ein Schlüsselfaktor. Hohe Rückenlehnen, Pflanzen, Raumteiler oder Bücherregale können als Sicht- und Schallschutz dienen. Sitzgruppen sollten so angeordnet sein, dass sie nicht unmittelbar an Hauptlaufwegen liegen, um Störungen zu minimieren. Akustikpaneelen, Teppiche und textile Elemente schlucken Schall und verbessern damit den Raumhall.
Loungebereiche als strategisches Gestaltungsfeld
Loungebereiche sind mehr als „nette Ecken“. Sie sind ein zentrales Mittel, um Bibliotheken als attraktive, menschenzentrierte Räume zu gestalten. Eine gezielte Innenarchitektur und Möblierung, die auf klare Nutzungsziele wie Vielfalt, Flexibilität und Komfort setzt, macht den Unterschied zwischen einer Fläche, die „irgendwie gemütlich“ aussieht, und einer, die tatsächlich intensiv und gerne genutzt wird.
Beispiele aus NRW
Zahlreiche Bibliotheken in Nordrhein-Westfalen zeigen, dass es viele gute Lösungen gibt. Hier ein paar Beispiele:
Bocholt
In der Stadtbibliothek Bocholt sorgen verschiedene Sitzmöglichkeiten in unterschiedlichen Formen, von eckig bis geschwungen, für einen entspannten Aufenthalt. Die kräftigen Farben setzen dabei lebendige Akzente im Raum und machen die Sitzgelegenheiten zu echten Hinguckern.




Dülmen
In der Stadtbücherei Dülmen laden gepolsterte Sitzgelegenheiten an den hellen Fensterfronten zu einem ruhigen Aufenthalt ein. In einer Ecke sind Sessel auf einem Teppich zu einer kleinen Sitzgruppe zusammengestellt und schaffen so einen gemütlichen Ort für Austausch und Kommunikation. Eine Standleuchte unterstreicht den wohnlichen Charakter.



Kamp-Lintfort
In der Mediathek Kamp-Lintfort können sich Nutzerinnen und Nutzer zwischen den Bücherregalen in Sofas mit hohen Rückenlehnen zurückziehen. Alternativ stehen gepolsterte Sitzbänke zur Verfügung, die mit Stromanschlüssen für mobile Endgeräte ausgestattet sind. Als „Hörbar“ bieten sie außerdem die Möglichkeit, AV-Medien direkt vor Ort zu nutzen.





Lünen
Die Stadtbücherei Lünen bietet einige bauliche Besonderheiten, darunter eine in die Wand eingelassene Sitznische. Auch die skulptural anmutende Treppe kann als Sitzplatz genutzt werden. Darüber hinaus gibt es sowohl im Erdgeschoss als auch auf der Galerie ruhigere Sitzbereiche.






Menden
Die Dorte-Hilleke-Stadtbibliothek Menden lockt die Nutzer mit dem Charme eines heimischen Wohnzimmers. Hier finden sich Loungemöbel, in Form verschiedener Sessel und Sofas, die kombiniert mit Vintage-Kommoden und Schränken und der warmen Farbgestaltung eine gemütliche Atmosphäre schaffen.
Velbert
Die Bibliothek Velbert nutzt ihre großzügige Fläche, um an verschiedenen Stellen gemütliche Loungebereiche zu schaffen. Ob einzelne Sessel, Sofas oder Sitzbänke an den Fensterfronten: Für unterschiedliche Bedürfnisse wurden passende Plätze zum Lesen, Verweilen oder Entspannen geschaffen. Ein besonderes Highlight sind die drehbaren Regale mit gepolsterten Rückseiten. In der richtigen Position lassen sie einen kleinen, abgeschirmten Raum entstehen, das sogenannte „James-Bond-Zimmer“.














