Kann mobiles Arbeiten in einer Bibliothek funktionieren? In Arnsberg war die Skepsis zunächst groß. Im Rahmen des Pilotprojekts „Flexible Arbeitszeitmodelle“ wurde ausprobiert, welche Aufgaben sich von zu Hause erledigen lassen, wie die Zusammenarbeit im Team funktioniert und wo die Grenzen liegen. Ein Erfahrungsbericht über neue Arbeitsformen, Vertrauen und die Frage, was sich verändert, wenn man einfach einmal anfängt.
„Was soll ich denn zu Hause machen?“
Als die Idee des mobilen Arbeitens im Team der Stadtbibliothek Arnsberg vorgestellt wurde, war die Begeisterung zunächst überschaubar. Die Fragen lagen auf der Hand: Was kann man in einer Bibliothek überhaupt von zu Hause aus erledigen? Wie lässt sich die Besetzung sicherstellen? Und warum sollte man Aufgaben zu Hause erledigen, die genauso gut in der Bibliothek möglich sind?
Eine Mitarbeiterin erkannte allerdings schnell einen persönlichen Vorteil. Ihre schon etwas ältere Mutter war zu diesem Zeitpunkt krank. Die Möglichkeit, von zu Hause aus zu arbeiten, hätte ihr ermöglicht, Arzttermine, Betreuung und Beruf besser miteinander zu verbinden.
Auch die Fachdienstleitung entschied sich, das Modell selbst auszuprobieren. Für die Dauer des Pilotprojekts sollte ein Nachmittag pro Woche für strategische und konzeptionelle Aufgaben im mobilen Arbeiten genutzt werden.
So entstand das Pilotprojekt
Die Idee für das Pilotprojekt entstand aus der DigitiativeNRW, einer Initiative der Fachstelle für Öffentliche Bibliotheken NRW. Von 2022 bis 2024 beschäftigten sich Bibliotheken aus NRW innerhalb der DigitiativeNRW mit der Frage, wie sich Bibliotheken angesichts der Digitalisierung und gesellschaftlicher Veränderungen weiterentwickeln können.
Eine der daraus entstandenen Arbeitsgruppen beschäftigte sich mit dem Thema Ressourcenmanagement. Dabei rückte insbesondere die Ressource „Zeit“ in den Mittelpunkt. Die Arbeitsgruppe entwickelte die Idee, neue Arbeitszeitmodelle in Bibliotheken praktisch zu erproben.
Nach einem gemeinsamen Workshop mit möglichen Versuchsbibliotheken im Mai 2025 wurde das Pilotprojekt „Mobiles Arbeiten“ konkretisiert. Im November 2025 trafen sich die Fachstelle sowie die Leitungen und Projektverantwortlichen der teilnehmenden Bibliotheken Aachen und Arnsberg zu einem gemeinsamen Projekttag. Anschließend wurde das Konzept in den jeweiligen Teams vorgestellt.
Für Arnsberg stand fest: Es sollte nicht darum gehen, von Anfang an ein fertiges Modell zu entwickeln. Stattdessen sollten kleine Experimente zeigen, unter welchen Bedingungen mobiles Arbeiten im Bibliotheksalltag funktionieren kann.
Klein anfangen und ausprobieren
Am 3. Dezember 2025 startete das Projekt mit dem gesamten Team der drei Arnsberger Bibliotheksstandorte Neheim, Arnsberg und Hüsten.
Das Projektgerüst war bewusst einfach:
Wie?
Mit kleinen Experimenten sollte ausprobiert werden, unter welchen Bedingungen mobiles Arbeiten in der Bibliothek und im Team funktioniert.
Was?
Die Fachdienstleitung und zunächst eine Mitarbeiterin arbeiteten an einem festen Vor- oder Nachmittag von zu Hause aus.
Wer?
Die „Pilot:innen“ gingen mit konkreten Experimenten voran. Das übrige Team wurde regelmäßig informiert und beteiligt.
Wann?
Das Pilotprojekt lief vom 3. Dezember 2025 bis zum 19. Juni 2026.
Schnell kamen Fragen auf: Wie wird mobiles Arbeiten im Team koordiniert? Wie werden Arbeitszeiten festgehalten? Und vor allem: Ist das notwendige Vertrauen vorhanden?
Die Antwort fiel eindeutig aus. Die Mitarbeitenden und die Fachdienstleitung waren sich einig, dass mobiles Arbeiten ohne gegenseitiges Vertrauen nicht funktionieren kann. Gleichzeitig gab es keinen Anlass, dieses Vertrauen infrage zu stellen. Die Teams an den einzelnen Standorten organisierten ihre Arbeitszeiten bereits weitgehend selbstständig. Deshalb wurde auch die Koordination des mobilen Arbeitens möglichst nah am Team angesiedelt. Die Fachdienstleitung sollte nur bei Problemen hinzugezogen werden.
Eine wichtige Voraussetzung war außerdem die flache Hierarchie innerhalb des Teams. Zwischen Bibliothekar:innen und FaMIs wurde bei der Aufgabenverteilung nicht unterschieden.

Was kann man eigentlich von zu Hause aus erledigen?
Eine der spannendsten Fragen des Projekts war schnell beantwortet: deutlich mehr als zunächst gedacht.
Gemeinsam sammelte das Team Aufgaben, die sich für mobiles Arbeiten eignen:
- Bücher bestellen und Bestände prüfen
- Flyer und Plakate mit Canva gestalten
- ID-Zettel durchlesen und sortieren
- Pressemitteilungen schreiben
- E-Mails bearbeiten
- Standing Orders prüfen und gegebenenfalls stornieren
- Schulungen und Fortbildungen absolvieren
- Bücher und Hörbücher folieren, signieren und katalogisieren
- Mahnungen und Vorbestellungen bearbeiten
- Buchpflegearbeiten durchführen
- Statistiken erstellen und analysieren
- Rufumleitungen für telefonische Auskünfte einrichten
- Social-Media-Beiträge und Stories erstellen
- an digitalen Fachteamsitzungen teilnehmen
- Rechnungen und Buchhaltung bearbeiten
- recherchieren
- Präsentationen erstellen
- Webinare und Fortbildungen besuchen
- Tonies besprechen
Die Liste war deutlich länger als erwartet.
Und genau das war eine der wichtigsten Erkenntnisse des Projekts: Auch in einer publikumsorientierten Einrichtung gibt es zahlreiche Aufgaben, die nicht zwingend an den Bibliotheksstandort gebunden sind.
Unterschiedliche Gründe, gleiche Erfahrung
Nach dem Auftakt entdeckten vier weitere Mitarbeiter:innen für sich Möglichkeiten des mobilen Arbeitens. Die Gründe dafür waren unterschiedlich: bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf, ein weiter Anfahrtsweg, ein Standortwechsel oder der Wunsch nach mehr Ruhe und Konzentration für übergeordnete Aufgaben wie Öffentlichkeitsarbeit oder die Überarbeitung der Klarschriftsystematik.
Eine Mitarbeiterin arbeitete anschließend regelmäßig dienstags mobil:
„Ich gehe einmal pro Woche ins Home Office. Das ist in meinem Fall allerdings fest geplant und nicht spontan. Insgesamt bin ich sehr zufrieden mit dem mobilen Arbeiten. Ich genieße die Freiheit – zeitlich wie örtlich – und kann so Aufgaben Platz einräumen, für die ich sonst keinen Raum habe. Ich bin produktiv, kann in Ruhe arbeiten und empfinde vier Präsenztage weniger ermüdend als fünf.“
Nach einem Standortwechsel bot das mobile Arbeiten für sie einen weiteren Vorteil: Fahrtzeit und Fahrtkosten konnten reduziert werden. Gleichzeitig entstand mehr Ruhe und Konzentration für die Arbeit.
Auch der Samstag erwies sich für einzelne Mitarbeitende als geeigneter mobiler Arbeitstag, wenn die Besetzung in der Bibliothek ausreichend war:
„Die Benzinpreise waren extrem hoch und ich konnte mir die Autofahrt zur Arbeit und zurück sparen. Ich konnte zu Hause in Ruhe konzentriert und effizient arbeiten. Ich konnte Arbeiten schnell erledigen, die sonst längere Zeit in Anspruch genommen hätten.“
Was haben wir gelernt?
Beim Zwischenworkshop am 12. März 2026 blickte das Team gemeinsam auf die ersten Erfahrungen zurück. Dabei zeigte sich: Nicht alles war spektakulär, manches dafür erstaunlich alltäglich.
Diese Erfahrungen wurden zusammengetragen:
- Die Technik funktionierte überraschenderweise meistens.
- Man konnte im Schlafanzug arbeiten.
- Die Süßigkeitenschublade war erschreckend nah.
- Die Konzentration war besser.
- Aufgaben, für die im Bibliotheksalltag sonst kein Raum war, konnten angegangen werden.
- Für eine Lieferung musste kein Urlaub genommen werden.
- Und manchmal wurde im Alltag sogar vergessen, dass die Möglichkeit zum mobilen Arbeiten überhaupt bestand.
Gerade diese Mischung aus positiven Erfahrungen und ganz normalen Schwierigkeiten machte deutlich: Mobiles Arbeiten muss nicht für jede Person und jede Aufgabe gleich aussehen. Es geht darum, herauszufinden, was im jeweiligen Arbeitsalltag sinnvoll funktioniert.
Mobiles Arbeiten ist kein Selbstläufer
Natürlich lief das Pilotprojekt nicht ohne Schwierigkeiten.
Technische Probleme können den Arbeitstag ausbremsen. Manche Aufgaben sind technisch noch nicht mobil möglich. Bei Personalknappheit kann mobiles Arbeiten nicht immer ermöglicht werden. Und manchmal stellt sich auch heraus, dass die Ruhe zu Hause nicht automatisch zu mehr Konzentration führt.
Im Laufe des Projekts wurden deshalb verschiedene Anpassungen vorgenommen. Zusätzliche Arbeitslaptops wurden bei der IT angefragt. Inzwischen stehen drei weitere Geräte zur Verfügung, die innerhalb der Standorte weitergegeben werden können.
Auch ein gemeinsamer Kalender für die mobilen Arbeitstage wurde als sinnvoll erachtet. Die Umsetzung steht noch aus.
Eine weitere Regel wurde gemeinsam eingeführt: Es darf nicht an zwei aufeinanderfolgenden Tagen außerhalb der Bibliothek gearbeitet werden. So soll sichergestellt werden, dass der Kontakt zum Team und zum Bibliotheksalltag erhalten bleibt.
Auch Auszubildende profitieren
Im weiteren Verlauf wurde mobiles Arbeiten auch von einer Auszubildenden getestet. Ihre Erfahrungen waren ebenfalls positiv:
„Die Technik der Stadt hat nicht funktioniert. Zu Hause konnte ich das Skript ohne Ablenkung schreiben und uneingeschränkt im Internet recherchieren, da am privaten Laptop keine Seiten gesperrt sind. Ich konnte arbeiten, während mein Sohn im KiGa war und während seines Mittagsschlafs, was meine fünf Stunden abgedeckt hat.“
Das Beispiel zeigt zugleich, dass mobiles Arbeiten nicht nur für klassische Büroaufgaben oder erfahrene Mitarbeitende interessant sein kann. Entscheidend ist vielmehr, welche Aufgabe ansteht und unter welchen Bedingungen sie erledigt werden kann.
Vom Pilotprojekt zum normalen Arbeitsalltag
Im Verlauf des Projekts wurde mobiles Arbeiten für das Team immer selbstverständlicher. Inzwischen haben fast alle Mitarbeitenden einen entsprechenden Antrag gestellt.
Jeder Standort verfügt über Laptops, die untereinander weitergegeben werden können. Mobiles Arbeiten ist damit kein besonderes Projekt mehr, sondern Bestandteil des normalen Arbeitsalltags geworden.
Besonders deutlich wurde der Wert des Modells während der letzten Hitzewelle. Nicht alle Mitarbeitenden mussten gleichzeitig vor Ort sein. Einige konnten ihre Arbeit nach Hause verlagern, am nächsten Tag wurde getauscht.
So konnte der Bibliotheksbetrieb aufrechterhalten werden, während gleichzeitig die Arbeitsbedingungen für die Mitarbeitenden verbessert wurden.
Was andere Bibliotheken daraus mitnehmen können
Die Erfahrungen aus Arnsberg zeigen, dass mobiles Arbeiten auch in einer Bibliothek funktionieren kann. Dabei geht es nicht darum, möglichst viele Arbeitstage ins Homeoffice zu verlagern. Entscheidend ist vielmehr, gemeinsam herauszufinden, welche Aufgaben, Arbeitsweisen und Rahmenbedingungen zum jeweiligen Team passen.
Aus dem Pilotprojekt lassen sich fünf Punkte ableiten:
1. Klein anfangen
Nicht alles muss von Anfang an geregelt sein. Kleine Experimente helfen dabei, Erfahrungen zu sammeln und das Modell weiterzuentwickeln.
2. Aufgaben genauer betrachten
Auch Bibliotheken haben zahlreiche Tätigkeiten, die nicht an einen bestimmten Ort gebunden sind. Eine gemeinsame Aufgabenliste kann überraschende Möglichkeiten sichtbar machen.
3. Vertrauen schaffen
Mobiles Arbeiten braucht Vertrauen zwischen Führung und Mitarbeitenden. Klare Absprachen und eine selbstständige Arbeitsorganisation sind dafür wichtige Grundlagen.
4. Das Team beteiligen
Mobiles Arbeiten betrifft nicht nur diejenigen, die gerade von zu Hause arbeiten. Auch die Kolleg:innen vor Ort müssen wissen, wie die Zusammenarbeit und Vertretung funktioniert.
5. Fehler und Grenzen zulassen
Nicht jede Aufgabe funktioniert mobil. Nicht jeder Arbeitstag zu Hause ist produktiver. Und technische Probleme gehören zum Lernprozess. Ein Pilotprojekt bietet die Möglichkeit, solche Erfahrungen zu sammeln und die Rahmenbedingungen anzupassen.
Ein Projekt mit mehr als einem Ergebnis
Das Pilotprojekt sollte ursprünglich vor allem zeigen, ob und wie mobiles Arbeiten in einer Bibliothek funktionieren kann. Dieses Ziel wurde erreicht.
Doch es entstand noch ein weiterer Effekt: Aus anfänglicher Skepsis entwickelte sich Offenheit gegenüber neuen Arbeitsformen. Das gemeinsame Ausprobieren stärkte den Teamgeist und den Mut, neue Wege zu gehen.
Das Fazit des Abschlussworkshops am 16. Juni 2026 bringt diese Entwicklung treffend auf den Punkt:
„Wir bringen nach dieser Erfahrung mehr Flexibilität, Teamgeist und Offenheit gegenüber Neuem als Schätze mit nach Hause.“